Der große Coup von GEnua

Mit einem Nervenspiel in der leichten Brise vor Genua/Italien ist die Premierenausgabe des The Ocean Race Europe zu Ende gegangen. Und das Offshore Team Germany machte es bis zum letzten Meter spannend. Doch nach einem Finalkrimi durfte Segel-Deutschland bei den Imocas jubeln, während Portugal mit dem „Mirpuri“-Team den Sieg bei den VO65 feierte. Der Gesamtsieg der deutschen „Einstein“ ist die Überraschung bei diesem Rennen. Doch das vermeintlich benachteiligte Design des Offshore Team Germany war in den vorherrschenden Bedingungen während dieses Europarennens gleichwertig. Der Berliner Skipper Robert Stanjek und seine Crew mit Annie Lush (Pit), Benjamin Dutreux (Navigator) und Phillip Kasüske (Grinder) holten in den drei Offshore-Etappen und zwei Kurzrennen alles aus dem zehn Jahre alten Boot heraus und setzten sich gegen die vier Konkurrenten der neuesten Generation mit einem zweiten Platz im abschließenden Sprintrennen vor Genua durch.

Das Finale nach drei Wochen mit den Etappen von Lorient/Frankreich nach Cascais/Portugal sowie über den weiteren Etappenort Alicante/Spanien schließlich nach Genua/Italien bot noch einmal höchste Spannung.

Zunächst einmal wurden die Nerven aller sieben Teams in der VO65-Klasse und fünf der Imoca-Klasse aufs Äußerste getestet. Die Flaute vor Genua hatte sich intensiv ausgebreitet, der Start musste um eineinhalb Stunden verschoben werden. Dann aber ging es mit einer leichten Brise am unteren Limit des Segelbaren auf den Kurs.

Und die beiden führenden Teams in den Klassen, das „Mirpuri“-Team bei den VO65 und das Offshore Team Germany bei den Imocas, legten zunächst die Messlatte auf. Nach einem Halbwind-Kurs zur ersten Bahnmarke lagen beide vorn und gingen auf den Kreuzkurs.

Das OTG stand hierbei aber vor der unlösbaren Aufgaben, die beiden stärksten Verfolger „LinkedOut“ (Frankreich) und „11th Hour Racing“ (USA) abdecken zu müssen. Doch die Konkurrenz segelte einen kompletten Split mit „LinkedOut“ auf der rechten und „11th Hour Racing“ auf der linken Seite. „Einstein“ ging mit nach Rechts und wahrte einen minimalen Vorsprung an der zweiten Bahnmarke.

Dann aber misslang das Wendenmanöver, der Bug drehte nicht durch den Wind. „11th Hour Racing“ ging durch, war auch auf dem abschließenden Vormwind-Kurs schneller. Damit war die Taktik der „Einstein“-Crew klar darauf ausgerichtet, zumindest den zweiten Platz gegen „LinkedOut“ zu verteidigen. Doch die modernen Imocas waren in dieser Phase schneller.

Das US-Team zog vorn unaufhaltsam dem Ziel entgegen, sicherte sich den Sieg bei dem Coastal Race von Genua. Dahinter entwickelte sich ein Krimi. „LinkedOut“ kam näher und näher, versuchte das OTG in die Abwinde zu bekommen. Mit Platz zwei würde das OTG den Gesamtsieg verteidigen, Platz drei wäre auch nur Rang drei in der Gesamtwertung.

Es spitzte sich zu einem Millimeter-Finale zu. „LinkedOut“ schob den Bug wenige hundert Meter vorbei, doch das OTG hatte den besseren Winkel zum Ziel. Mit mehr Speed zog Robert Stanjek die Yacht auf die Zieltonne zu. „LinkedOut“ musste dagegen immer tiefer gehen, um das Ziel anzusteuern. Die deutsche Yacht hatte Vorfahrt, „LinkedOut“ verlor an Tempo. Der Windschatten konnte nichts mehr ausrichten.

Mit einem Hauch mehr an Speed schob sich „Einstein“ auf den letzten Metern wieder an dem französischen Team vorbei. Die ganze Erfahrung der olympischen Segler an Bord der „Einstein“, die Match-Race-Expertise von Annie Lush hatten sich ausgezahlt. Nach insgesamt 2000 Seemeilen, drei Etappen und zwei Coastal Races entschieden eine Bootslänge oder zehn Sekunden Vorsprung über Platz eins, zwei und drei. Es war schließlich der vermeintliche Außenseiter, der jubeln durfte.

Mit einem Punkt Vorsprung siegte das Offshore Team Germany mit Robert Stanjek, Phillip Kasüske, Annie Lush und Benjamin Dutreux – unterstützt im Wechsel durch Onboard-Reporter Felix Diemer und Boatcaptain Ian Smyth – bei seinem ersten Regatta-Auftritt in dieser Formation gegen vier der modernsten Imocas. „11th Hour Racing“ belegte Gesamtrang zwei vor dem Team von „LinkedOut“.

Nach der Zielankunft musste Robert Stanjek eingestehen: „Ich bin völlig fertig. In den letzten Minuten bin ich wohl drei Jahre gealtert. Es hätte gern auch ein bisschen weniger spannend sein dürfen.“ Der letzte Abschnitt bis zum Ziel war auch für den Olympiasechsten von London eine echte Zitterpartie: „Wenn die von hinten mit Speed kommen, ist es unglaublich schwer, das zu verteidigen. Wir wollten daher tief segeln, um uns freizuhalten, aber der Imoca bremst dann sehr stark ein. Zum Schluss konnten wir dann wieder unsere Winkel fahren. Und wir kamen in eine echte Match-Race-Position, haben geluvt, um ‚LinkedOut‘ in die schlechte Position zu bekommen und im letzten Moment die Nase ins Ziel zu drehen. Das hat geklappt. Ich bin unglaublich glücklich.“

Besonders glücklich war der Berliner, dass es zum Abschluss noch zu einem Rennen kam. Zwar wäre bei einem Rennabbruch wegen Flaute das Offshore Team Germany ebenfalls Gesamtsieger gewesen, aber „es ist total schön, das Ganze seglerisch zu Ende zu bringen. Wir wollten beweisen, dass wir mit dem Druck umgehen können. Das ist ein tolles Gefühl“.

Vor dem Start in Lorient stand ein Sieg für Robert Stanjek nie zur Debatte, nach der ersten Etappe zeigte sich aber bereits, dass der Nachteil, keine Foils zu haben, nicht so groß sein würde, wenn die Bedingungen stimmen. Und die stimmten im Mittelmeer. „Wir sind sehr glücklich mit dem Gesamtauftritt, haben ein starkes Comeback auf der Etappe nach Alicante hingelegt und einen schönen Sieg in Genua eingefahren. Der Winning-Point war, dass wir eine Top-Mannschaft zusammengestellt und auch als Mannschaft agiert haben. Da wirkte sich der kleine Nachteil in der Hardware kaum noch aus.“

Auch von der Teamführung fielen nach drei aufregenden Wochen die Anspannungen ab: „Wir sind unglaublich stolz, vor allem darüber, wie das Team zusammengefunden hat. Unser Plan, olympische Kompetenz mit Offshore- und Imoca-Expertise zu kombinieren, ist voll aufgegangen. So konnten wir auch als Non-Foiler bestehen. Natürlich haben uns die Bedingungen dabei geholfen. Auf diese Mittelmeer-Bedingungen hatten wir uns eingestellt, hatten die Segel extra dafür optimiert“, sagte Teammangaer Jens Kuphal. „Es ist ein großes Geschenk, eine große Freude, das erleben zu dürfen und sich mit solchen Topgegner messen zu können. Auf diesem Weg wollen wir weitergehen bis zum Weltrennen im nächsten Jahr.“

An diesem Ziel, dem Start beim The Ocean Race 2022/23, wird nun intensiv gearbeitet. „Es ist großartig, in welche Position uns das Team mit dieser Wahnsinnsleistung gebracht hat. Das ist die beste Vorgabe für das The Ocean Race. Die Bühne ist bereitet für die Fortsetzung der Kampagne unter dem Claim ,Made in Germany’“, sagt Team-CEO Michael End. „Wir haben alles getan, damit die deutschen Unternehmen auf dieses Ereignis anspringen, um mit uns den Weg um die Welt zu gehen. Der Dank geht an das gesamte Team an Land und auf dem Wasser und der Glückwunsch natürlich an Robert, Annie, Benjamin, Phillip, Felix und Ian, die das seglerisch perfekt umgesetzt haben.“

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