FASTNET ROCK: MEILENSTEIN FÜR „EINSTEIN“

Der IMOCA Open 60 des Offshore Team Germany (OTG) hat ein starkes Comeback auf der Regattabahn hingelegt. Beim Rolex Fastnet Race segelte die Crew der „Einstein“ um Skipper Robert Stanjek und Navigator Conrad Colman als 16. von 390 Yachten über die Ziellinie. Noch wichtiger als der respektable Erfolg auf dem Regattakurs waren allerdings die Erkenntnisse, die aus der Hochsee-Premiere nach dem Komplett-Refit der Yacht gezogen werden konnten: Selbst mit alter Segelgarderobe und noch ohne Foils erwies sich „Einstein“ als äußerst leistungsfähig und bewies damit, dass ein IMOCA Open 60 mit ordentlich Power in einer Crewstärke von fünf Personen gesegelt werden kann. Viel Beachtung fand der Auftritt daher auch bei der IMOCA-Class und dem Team des „The Ocean Race“, die sich bereits nach den ersten Erfahrungen erkundigten. Und dies nicht ohne Grund, denn in 2021/22 soll das Etappen-Weltrennen auf IMOCAs in eben dieser Crew-Konstellation gesegelt werden.

„Es war ein sehr erfolgreicher Test. Ich bin wirklich zufrieden – über die Performance des Bootes und des gesamten Teams“, so Team-Manager Jens Kuphal, der als Onboard-Reporter dabei war, nach dem heißen 605 Seemeilen langen Ritt bei dem Hochsee-Klassiker. „Es war ein fantastischer Moment, mitten in der Nacht um den Rock zu fahren. Ein großer Augenblick für jeden Segler – in diesem Fall aber auch für das Boot. Denn nach über sechs Jahren ist es nun endlich wieder auf die Regattabahn zurückgekehrt.“ Von Cowes durch den Solent und den Ärmelkanal hinaus in die Irische See, rund um den berühmt-berüchtigten Fastnet Rock und zurück nach Plymouth in Südengland meisterte die Yacht die unterschiedlichsten Bedingungen – von Flaute im Ärmelkanal bis hin zu stürmischen Bedingungen in der Irischen See. Und „Einstein“ war schnell unterwegs: Als einziger IMOCA startete die OTG-Yacht im Feld der IRC-Yachten und damit 75 Minuten nach den 20 Klassenkollegen, die in Zweierteams agierten. Nach einer gesegelten Zeit von 2 Tagen, 3 Stunden, 28 Minuten und 33 Sekunden waren Robert Stanjek, Conrad Colman und die weitere Crew Annie Lush, Ian Smyth und Phillip Kasüske aber bereits als neunter IMOCA wieder im Ziel und konnten dabei auch einige Foiler der älteren Generation hinter sich lassen.

Die Mischung aus der Weltumsegel-Erfahrung von Colman und Lush sowie die Ausbildung in Olympiaklassen von Stanjek, Lush und Kasüske hat sich als sehr erfolgreich erwiesen. „Es hat sich gezeigt, dass es nicht nur auf das Boot ankommt, sondern natürlich auch darauf, in welcher Art man es segelt“, sagte Kuphal und begeisterte sich an den letzten Meilen vor dem Ziel, als die „Einstein“-Mannschaft mit taktischer Raffinesse noch drei Konkurrenten überholte. Selbst Yachten wie das „Team Brunel“, das am Fastnet Rock noch fast eine Stunde Vorsprung hatte, konnte im Ziel um 22 Minuten ins Kielwasser verwiesen werden. „Die olympische Ausbildung zahlt sich hier aus. Annie Lush hat das Boot in jeder Phase nachgetrimmt und immer wieder nach vorne gepusht, und Phillip Kaüske ist den IMOCA fast so gefahren wie einen Finn“, so Kuphal.

Im Heimathafen Gosport bei Southhampton empfing der Technische Projektmanager des OTG, Joff Brown, die Crew voller Zufriedenheit. Seine Rechte Hand, Boat-Captain Ian Smyth, berichtete begeistert von Bord: „Das Team hat sehr gut gearbeitet. Es gibt wenig, was man hätte anders machen sollen. Wir sind einen sehr guten Speed gefahren. Ich bin gespannt, wie die Performance mit Foils sein wird. Ich freue mich darauf.“

Für Skipper Robert Stanjek war es nach den Testfahrten die erste echte Herausforderung mit „Einstein“: „Wir wollten ein Gefühl für das neue Ocean-Race-Setup mit einer Fünf-Personen-Crew bekommen. Es ist sehr intensiv, denn fünf Mann sind kein großes Team. Jeder hat zu kämpfen. Man muss ein sehr gutes Energie-Management haben. Wir haben es gut gemacht, das Boot hat gezeigt, dass es Potenzial hat. Ich bin wirklich sehr zufrieden – mit der Crew und mit der Hardware.“ Dem konnte Annie Lush nur beipflichten: „Ich bin sehr müde, aber sehr glücklich. Wir sind in dieser Konstellation das erste Mal zusammen gesegelt und haben uns top geschlagen. Man kann immer etwas verbessern, aber fundamentale Fehler haben wir nicht gemacht. Ich bin froh, hier an Bord zu sein.“ Selbst Phillip Kaüske, der aus seiner Olympia-Kampagne höchste Anstrengung gewohnt ist, musste nach dem Zieldurchgang kräftig durchatmen: „Es ist so viel anstrengender, als ich es erwartet habe. Aber wir haben es ins Ziel geschafft und sind obendrauf noch super gesegelt. Es ist mega geil auf dem Boot – schnell, und es gibt immer etwas zu tun.“

IMOCA-Kenner Conrad Colman, Finisher der Vendée Globe 2016/17, zollte nach dem aufwendigen Refit der Yacht seinen Respekt: „Wir hatten einen Mix aus allem: Starkwind und Leichtwind, Kreuz- und Vormwind-Kurse. Und das Entscheidende: Wir hatten Reachbedingungen und haben eine echte Entdeckung gemacht. ‚Einstein‘ liebt Reachbedingungen. Es hat großen Spaß gemacht, mit dem Boot zu segeln.“ Obwohl der Neuseeländer als Solo-Segler Karriere gemacht hat, war er von der Crewarbeit begeistert: „Das Fastnet Race hat uns einen Einblick gegeben, wie das Ocean Race sein wird. Grundsätzlich fühlt es sich mit dieser Crew immer noch an wie Solo-Segeln, aber wir haben viel mehr Hände, um an den Schoten zu ziehen, mehr Leute, um die Taktik zu diskutieren. Man kann sich motivieren und in den entscheidenden Momenten zusammenarbeiten. Wenn das so beim Ocean Race ist, dann ist es ein echtes Vergnügen.“

Der erste Regatta-Test für das Offshore Team Germany und die „Einstein“ ist bestanden, jetzt gilt es, so Jens Kuphal, das Profil als IMOCA-Team in voller Crewstärke zu schärfen: „Das Fastnet Race war ein erster Meilenstein. Jetzt werden wir step by step vorangehen, um 2021 beim ‚The Ocean Race‘ in Alicante am Start zu sein.“

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